Europaviertel
Stuttgart

Das Europaviertel wird seit 1990 auf dem Gelände des ehemaligen zentralen Güter- und Rangierbahnhofs der Stuttgarter Innenstadt errichtet, der in den 1980er-Jahren geschlossen wurde. Das Teilgebiet A1 des Rahmenplans von Stuttgart 21 befindet sich zu einem Großteil im Europaviertel.

Eigentlich sollten die Bauten des neuen Stadtquartiers “familien- und kinderfreundlich, mehrgenerationengerecht, barrierefrei und erschwinglich” sein, die Bebauung müsse — der Grundstückspekulation enthoben —  “eine Frischluftschneise für Stuttgarts Innenstadt” freilassen, eine offene Parkanlage mit großen Schotterflächen sei notwendig, so Heiner Geißler im Schlichterspruch im Streit um den Tiefbahnhof Stuttgart 21, im November 2010 [1]. Was daraus geworden ist, spricht den Maßgaben des Schlichters Hohn:

Ein Viertel von abstoßender Kälte und Langeweile

Aber “warum ist aus der städtebaulichen Jahrhundertchance dieses öde Hinterland geworden?”[2] fragt Amber Sayah 2014 in der Stuttgarter Zeitung. Wie wurde aus der Jahrhundertgelegenheit, STADT zu bauen, ein steriles, monofunktionelles Desaster? Die Stiftung “Lebendige Stadt” (sic!) der ECE-Projektmanagement GmbH & Co, neben der DB (Deutsche Bahn) der Hauptinvestor, hat auf ihre Weise dazu beigetragen. Sie ist Eigentümerin des sogenannten Milaneo. Das ist ein überdimensioniertes, architektonisch minderbemitteltes Einkaufszentrum, das einen prominenten Teil des Geländes einnimmt und zur weiteren geschäftlichen Verödung bisher florierender Innenstadtlagen beiträgt. Ein Gebäude, das in keinerlei Kommunikation mit der STADT tritt, das sich selbst völlig genügt und wohl den einen Zweck hat, Mieteinnahmen zu generieren.

Und die DB (Deutsche Bahn), Hauptinvestor und Eigentümer der Grundstücke? Sie hält dieses armselige Quartier sogar für eine der bedeutendsten Innenstadtentwicklungen Deutschlands. Spricht daraus Unverfrorenheit, oder nur schlichte Dummheit? Jedoch “hätte (das) in der Tat der Fall sein können, wenn der Geist, verkörpert durch die Stadtbibliothek, nicht rund herum zugemauert würde” [3], stellt Jan Sellner in der Stuttgarter Zeitung fest. Für Britta Hüttenhain vom Institut für Städtebau an der Universität Stuttgart ist „das Europaviertel (…) ein Negativbeispiel für die Qualität des öffentlichen Raums“.[4]

Die Verwalter dieser Stadt lernen nicht aus den kapitalen Fehlern, die ihre Vorgänger gemacht haben, sondern begehen sie immer wieder neu. Das ist ein Elend und auch ein Skandal.

Die Bürger werden mit der Profit-Architektur leben müssen. Denen, die sie verantworten müssen, ist es eine weitere Gelegenheit zur Profitmaximierung. Jedoch Stuttgarts Stadtverwaltung hat eine städtebauliche Jahrhundertchance verramscht.